„ANOTHER STATE“ von Seafarers
- CARL

- 7. Okt. 2024
- 2 Min. Lesezeit

„Another State“ von Seafarers ist ein beeindruckendes und filmisches Album, das den Hörer auf eine Reise durch eine Reihe intimer, oft verwirrender Vignetten mitnimmt. Die in London ansässigen und für ihren Chamber-Pop-Stil bekannten Seafarers verbinden üppige Arrangements mit ergreifendem Geschichtenerzählen und schaffen so einen Wandteppich aus Charakteren, die sich zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Gefühl der Verlassenheit bewegen. Dieses am 4. October veröffentlichte dritte Album stellt eine bedeutende Weiterentwicklung ihres Sounds dar und umfasst Themen wie existentielles Wandern, emotionalen Aufruhr und die komplizierten Dynamiken von Liebe, Verlust und Identität. Das Album glänzt durch seine Fähigkeit, Momente des Übergangs einzufangen – sei es das Verlassen des Zuhauses, das Gefühl, in einer fremden Stadt verloren zu sein oder das emotionale Chaos einer toxischen Beziehung zu meistern. Die dargestellten Charaktere sind in Bewegung, wissen nicht, wo sie hingehören und sind dennoch verzweifelt auf der Suche nach etwas, an dem sie sich festhalten können.
„Another State“ spiegeln diese flüchtigen Einblicke in Leben in Bewegung die Unsicherheit und Unruhe wider, die die turbulentesten Phasen des Lebens begleiten. Ein herausragender Titel, „Televangelists“, bietet eine introspektive Erkundung der Schnittstelle zwischen Religion und Technologie in der heutigen Welt. Die eindringlichen Melodien paaren sich mit Texten, die sich mit der Spannung zwischen Glauben und der kalten, berechnenden Natur der Technologie auseinandersetzen und Fragen nach menschlichen Verbindungen und Glauben in einer zunehmend transaktionalen Gesellschaft aufwerfen. Dieses Lied fühlt sich sowohl zeitlos als auch aktuell an und fängt die existenzielle Krise einer Generation ein, die inmitten digitaler Ablenkungen und religiöser Desillusionierung im Stich gelassen wird. „Melissa“ greift Seafarers das Thema verlorener Verbindungen erneut auf und konzentriert sich dabei auf einen Freund aus Kindertagen, der vom Kurs abgekommen ist. Die melancholischen Klavierakkorde und die luftigen Streicher verstärken das nostalgische und herzzerreißende Gefühl des Liedes, während der Sänger über eine verblasste Freundschaft nachdenkt.

Die emotionale Wirkung ergibt sich aus dem Gleichgewicht zwischen persönlichem Verlust und Hilflosigkeit – wie ein Teil der eigenen Vergangenheit, der niemals zurückerobert werden kann. „Everything I’d Do (to Get a Hold on You)“ taucht tief in den zerstörerischen Reiz einer alles verzehrenden Beziehung ein. Die elektrische Atmosphäre, erfüllt von spannungsgeladenen Streichern und treibenden Rhythmen, erzeugt eine Intensität, die einer magnetischen Kraft gleicht, die beide Individuen in Richtung Selbstzerstörung zieht. Dieser chaotische, gefühlvolle Track fasst die Qual der Besessenheit zusammen, in der sich Liebe, Verlangen und Selbstzerstörung zu einer unkontrollierbaren Emotion vermischen. Auf dem gesamten Album präsentieren Seafarers eine Vielzahl klanglicher Texturen, die von zarten Kammer-Pop-Streichern bis hin zu experimentelleren atmosphärischen Klanglandschaften reichen.
Die üppige Instrumentierung in Kombination mit rohen, nachdenklichen Texten fördert ein Gefühl der Intimität, als würden die Zuhörer in die privaten Gedanken jedes Charakters blicken. Die Produktion ist makellos, wobei sich jeder Titel wie eine Kurzgeschichte oder eine Szene aus einer größeren, komplexeren Erzählung entfaltet.
Im Kern geht es in „Another State“ um Transformation – die Momente dazwischen, in denen sich Individuen in unbekannten emotionalen, physischen oder psychologischen Räumen wiederfinden. Das Album fängt das empfindliche Gleichgewicht zwischen Befreiung und Verlassenheit ein und veranschaulicht, wie das Streben nach etwas Sinnvollem oft zu Unsicherheit und Verlust führt. Seafarers navigieren diese Themen gekonnt mit einem Klang, der sowohl zeitlos als auch zeitgenössisch wirkt, was „Another State“ zu einem stimmungsvollen und eindringlichen Hörerlebnis macht, das noch lange nach der letzten Note nachklingt.
SCHRIFTSTELLER: Carl





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