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„Everytime" von Riffindots

  • Autorenbild: CARL
    CARL
  • 24. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Riffindots tauchen mit „Everytime" wieder auf einer EP, die nicht um Aufmerksamkeit bittet, sondern sie dir mitten im Gedankenrausch entreißt. Das ist keine Hintergrundmusik und kein vorsichtiges Kennenlernen, sondern ein kinetischer Schock, als würdest du in eine Lagerhallenparty stolpern, die längst auf Höchstgeschwindigkeit läuft. Entstanden zwischen Boston und dem französischen Baskenland, trägt die Platte die Reibung der Distanz tief in sich. Britta Pejic lenkt das Projekt als Songwriterin, Performerin und kreative Initiatorin, während die Tracks zwischen Kontinenten hin- und hergeschickt und von Engineer Console Lole geformt werden. Diese Fernspannung speist direkt den unberechenbaren Charakter der EP. Als letzte Veröffentlichung vor dem kommenden Album Latitude Bera wirkt sie bewusst ungezähmt – ein letzter, roher Atemzug vor dem nächsten großen Schritt.


Der Titelsong „Everytime" explodiert ohne Vorwarnung, ohne Anlauf, ohne Sicherheitsnetz. Gitarren fletschen die Zähne wie blankliegende Drähte, während das Schlagzeug mit wilder Ungeduld nach vorne stolpert und sich kaum an die Schwerkraft gebunden fühlt. BrittAs Gesang schneidet in scharfen, unvorhersehbaren Bögen durch den Mix mal schrill, mal plötzlich erdverbunden, nie lange festzunageln. Der Bass trägt den Song nicht nur, er lauert unter ihm, dickflüssig und rastlos, jederzeit bereit, alles zum Einsturz zu bringen. Spät im Track reißt ein verzerrtes Synth-Solo die Klangwand auf und verleiht dem Ganzen eine psychedelisch entgleiste Note. Diese Form von Chaos hat etwas Körperliches an sich, als würde alles im selben Moment entstehen und jeden Augenblick auseinanderfliegen können. Die Gitarren glänzen nicht, sie klappern, schaben und prallen aufeinander eher perkussiv als melodisch.


Der Rhythmus wird zu einem lebendigen Wesen, schwer atmend, schwankend, unbeirrbar. Es ist rau, verspielt und auf seltsame Weise euphorisch, wie Lachen mitten in einem kontrollierten Brand. Der Song löst sich nicht auf, er brennt aus und hinterlässt verkohlte Spuren. „Forced Perspectives“ fühlt sich an wie ein abrupter Wetterumschwung. Vereinzelte Pianotöne fallen sanft, mit Raum zum Atmen, während klare Gitarrenlinien wie Licht durch Morgennebel schimmern. Der Bass beruhigt den Puls und verankert den Song, das Schlagzeug schlägt einen zurückhaltenden, fast zärtlichen Takt an. BrittAs Stimme entspannt sich, schwebt statt zu drängen und zeichnet die Melodie mit müheloser Leichtigkeit nach.


Der Track wirkt gleichzeitig weitläufig und geerdet ein Moment stiller Klarheit nach sensorischer Überreizung. Das abschließende „Everytime / Forced Perspectives“ führt die EP wieder zu sich selbst zurück und lässt die Grenzen zwischen Wucht und Ruhe verschwimmen. Statt sich für eine Stimmung zu entscheiden, dürfen beide nebeneinander existieren und nahtlos ineinander übergehen. Es ist ein eleganter Schlusspunkt, der das Vorangegangene neu beleuchtet und unter dem scheinbaren Chaos eine klare Absicht offenbart. Wenn der letzte Ton verklingt, fühlt sich „Everytime" weniger wie eine Sammlung von Songs an als wie eine einzige impulsive Geste unordentlich, lebendig und gerade deshalb zutiefst befriedigend.




SCHRIFTSTELLER: Carl

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