„Give Me . Give Me . Give Me, I want it all" von Deptford Sound Collective
- CARL

- vor 1 Tag
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Das Deptford Sound Collective stürmt mit erhobenem Spiegelball und einem Manifest im Paillettenärmel auf die Bühne. Ihre Single „Give Me . Give Me . Give Me, I want it all“ schimmert wie ein verloren geglaubtes Vinyl-Juwel aus einer neongetränkten Disco-Ära, pulsiert jedoch mit unüberhörbarer Dringlichkeit der Gegenwart. Als augenzwinkernde Hommage an die opulenten Disco-Hymnen der 1980er konzipiert, vereint der Track schillernden Groove mit messerscharfem Kommentar. Was zunächst wie ironische Eskapade wirkt, entpuppt sich rasch als bewusst gesetztes Statement eine Tanzflächen-Deklaration im Gewand der Satire. Musikalisch entfaltet die Produktion einen unwiderstehlichen Sog. Druckvolle Basslinien schreiten selbstbewusst voran, Handclaps knallen wie Blitzlichter, und glänzende Synthesizer-Akzente schneiden mit Retro-Charme durch den Rhythmus.
Die im Song angelegte Choreografie scheint kalkuliert jeder Refrain fordert geradezu synchronisierte Bewegungen, als verschmelzten Protest und Party zu einem gemeinsamen Ritual. Theatralisch, aber nie beliebig, verspielt, doch stets zielgerichtet: Hier zeigt sich, dass Parodie, klug eingesetzt, die Aussagekraft eher verstärkt als verwässert. Textlich schlägt das Stück eine Brücke vom augenzwinkernden Refrain zur pointierten Kritik. Als humorvoller offener Brief an Präsident Trump formuliert, erhält die Zeile „I want it all“ eine neue Bedeutungsebene nicht als Ausdruck von Gier, sondern als Forderung nach Gleichberechtigung, Sicherheit und Würde. Die Satire trifft, weil sie aus Überzeugung entsteht. Anstatt zu predigen, setzt die Band auf Ironie als Scheinwerfer, der auf Bürgerrechte und die Zerbrechlichkeit demokratischer Werte gerichtet ist.

Dabei knüpfen sie an den Geist der Protestsongs der 1960er an und übertragen ihn in eine digitale, memekundige Gegenwart. Auch der Veröffentlichungszeitpunkt verleiht dem Song zusätzliche Strahlkraft. Am Valentinstag während des LGBTQ History Month erschienen, stellt die Single die Liebe selbst als Strategie in den Mittelpunkt. In einer Ära, die von spaltender Rhetorik und algorithmisch verstärkter Empörung geprägt ist, antwortet das Deptford Sound Collective mit Rhythmus und Zusammenhalt. Das begleitende Pop-Video setzt offenbar auf visuelle Satire, verbindet glitzernde Camp-Ästhetik mit ernsten Untertönen und erinnert daran, dass Freude an sich bereits ein Akt des Widerstands sein kann.
Feier wird zur Haltung, Bewegung zur Bekräftigung. Letztlich lebt „Give Me . Give Me . Give Me, I want it all“ von seinen Kontrasten. Beschwingt und doch konfrontativ, nostalgisch und zugleich hochaktuell, nutzt das Deptford Sound Collective die Ausgelassenheit des Disco-Sounds nicht als bloßen Retro-Effekt, sondern als kraftvolles Mittel gegen Ungerechtigkeit. Das Ergebnis ist ein Song, der die Füße in Bewegung und zugleich das Gewissen in Schwingung versetzt Protestmusik im Glitzergewand, die dazu einlädt, Raum einzunehmen, Stimme zu erheben und tatsächlich alles einzufordern.
SCHRIFTSTELLER: Carl





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