„Soliloquy" von REETOXA
- CARL

- vor 19 Minuten
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Reetoxas „Soliloquy" entfaltet sich wie eine Zeitkapsel, die nach des Drucks aufgebrochen wird und eine Flut von Ideen freisetzt, die sich nicht bändigen lassen. Ursprünglich in der Jugend konzipiert und in einer Phase globaler Stille wiederbelebt, trägt das Album das Gefühl von etwas lange Unerledigtem, das nun endlich seinen Abschluss findet. Im gesamten Werk ist eine spürbare Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erkennen, als würde jeder Song mit den verlorenen Jahren verhandeln. Anstatt jedoch veraltet zu wirken, verleiht genau diese Geschichte der Musik eine vielschichtige emotionale Tiefe, die jeden Moment reflektiert und gelebter erscheinen lässt. Der Opener „REETOXA“ etabliert sofort ein Gefühl von Dringlichkeit. Er führt nicht sanft ein er packt zu und zieht den Hörer direkt hinein. Die Percussion trifft mit Wucht, während die Gitarren mit einer rauen, bewusst ungeschliffenen Energie knistern. Gesanglich liegt darin eine erzählerische Schwere, die darauf hindeutet, dass diese Worte viel zu lange zurückgehalten wurden, um sie nun beiläufig zu äußern.
Es ist ein Einstieg, der sich weniger wie ein Anfang, sondern eher wie ein lange aufgeschobener Ausbruch anfühlt. Im weiteren Verlauf zeigt das Album eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit im Ton. „Thrift Shop Dress“ bringt plötzlich Farbe ins Spiel und entfernt sich von der Intensität hin zu etwas Verspielterem und Beobachtendem. Die Instrumentierung wirkt lebendig und fast federnd, getragen von einer jugendlichen Spontaneität. Unter dieser lebhaften Oberfläche verbirgt sich jedoch ein feines Gespür für flüchtige menschliche Momente jene kurzen, elektrisierenden Begegnungen, die länger nachhallen, als sie sollten. Der Song fängt dieses Gefühl mit cineastischer Klarheit ein, als bestünde jede Zeile aus einem eingefrorenen Erinnerungsbild. Ein deutlicher Kontrast folgt mit „TIMOR LESTE“, wo das Album sein Tempo drosselt und sich einer introspektiveren Atmosphäre zuwendet.

Das Arrangement öffnet sich und schafft Raum für weichere Klangfarben. Zarte Klavierlinien treiben zunächst den Song, bevor sie sich zu weitläufigeren, beinahe orchestralen Elementen entwickeln. Der Gesang ist hier zurückgenommen und trägt eine stille Schwere in sich, die stärker wirkt als jede dramatische Geste. Es ist ein Moment der Einkehr, der das Album erdet und tiefere emotionale Ebenen zugänglich macht, ohne sie zu überladen. Diese Ruhe währt jedoch nicht lange. „WAR KILLER“ bricht mit dunklerer, aggressiverer Energie hervor und bringt eine spürbare Unruhe zurück. Die Instrumentierung wird dichter, druckvoller und unerbittlicher, während sich der Gesang in eine kühlere, kontrolliertere Richtung bewegt. Eine unterschwellige Spannung durchzieht den Track, als würde er mit Themen ringen, die sich nicht vollständig in Worte fassen lassen.
Diese Spannung bleibt bestehen und löst sich nicht einfach auf, sondern hallt nach. Über seine ausgedehnte Laufzeit hinweg lebt „Soliloquy" von Kontrasten und emotionaler Bandbreite. Es strebt keine klassische Geschlossenheit an, sondern nimmt seine Weitläufigkeit bewusst an und lässt unterschiedliche Stimmungen und Ideen nebeneinander existieren. Das Ergebnis ist ein Werk, das zutiefst persönlich wirkt fast wie ein Strom von Gedanken, der ungefiltert festgehalten wurde. Es ist nicht makellos und stellenweise überwältigend, aber niemals gleichgültig ein Album, das Aufmerksamkeit fordert und jene belohnt, die bereit sind, sich auf seine Komplexität einzulassen.
SCHRIFTSTELLER: Carl





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