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„THE LISA SONG" von REETOXA

  • Autorenbild: CARL
    CARL
  • vor 12 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit


Es gibt Lieder, die wie polierte Artefakte wirken, und dann gibt es Lieder, die sich anfühlen, als wären sie vom Leben selbst ausgelöst worden chaotisch, zufällig, emotional unausweichlich. „The Lisa Song“, der emotionale Zündfunke hinter dem Werk der Band Reetoxa, gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Es ist nicht einfach ein entstandener Track; er wirkt eher wie eine Erinnerung, die sich weigert, privat zu bleiben. Die Geschichte beginnt in einem überfüllten Melbourne-Theater, in dem Jason McKee Autor, Sänger und kreative treibende Kraft hinter Reetoxa ein Spiderbait-Konzert besucht, begleitet von zwei ungenutzten VIP-Plätzen und einer enttäuschten Erwartung von Romantik, die nie eingetroffen ist. Was diese Leere ersetzt, ist der Zufall: eine Fremde namens Lisa, elegant gekleidet, mühelos magnetisch, die kurz darauf durch eine Art Bühnenlicht fast mythisch wirkt. Eine einzige spielerische Geste sie tritt in ein Foto, verwandelt es in etwas Zufälliges und zugleich Strahlendes wird zum Auslöser einer künstlerischen Obsession.


Ab diesem Moment hört die Geschichte auf, bloßer Zufall zu sein, und beginnt sich wie eine langsam wachsende Fixierung anzufühlen. Lisa ist nicht nur eine Person in dieser Erzählung; sie wird zu einer Frage, die McKee nur noch durch Musik zu beantworten versucht. Ihr kurzes Gespräch halb Flirt, halb Neugier trägt das Gewicht eines Unabgeschlossenen in sich. Als sie ihn bittet, etwas von seiner Musik zu hören, und er nur rohe Sprachmemos statt fertiger Songs anbieten kann, wird daraus ein stiller Moment der Scham, der sich in Entschlossenheit verwandelt. Diese Unsicherheit wird zum Katalysator. Sie führt McKee zu Produzent Simon Moro und schließlich zur vollständigen Verwirklichung von Reetoxa als ernstzunehmendes musikalisches Projekt. Die frühe Idee von Soliloquy, ursprünglich als literarisch inspiriertes Alter Ego in seiner Jugend entstanden, taucht Jahre später wieder auf nicht als Ehrgeiz, sondern als Notwendigkeit. Das Leben hat dieses Projekt in der Zwischenzeit verschoben, verzerrt und durch Unsicherheit, Isolation und obsessive Selbstreflexion neu geformt.



Das daraus entstandene Album Soliloquy ist weniger eine Sammlung von Songs als vielmehr eine ausgedehnte emotionale Untersuchung. Während der pandemiebedingten Isolation langsam aufgebaut, trägt es die Atmosphäre von Enge und Überdenken. Die Produktion unter der Leitung und im Mastering von Simon Moro wirkt zugleich weitläufig und filmisch. Beiträge von Musikern wie Kit Riley, Peter Marin, James Ryan, Jessica McPherson-Riley und Terry Hart verleihen dem Werk eine orchestrale Tiefe und eine klangliche Größe, die im Kontrast zu seinem sehr persönlichen Ursprung steht. In seinen ambitioniertesten Momenten heben Aufnahmen eines Budapester Orchesters das Album in beinahe opernhafte Sphären. Doch unter dieser Größe bleibt etwas Zerbrechliches bestehen: ein Künstler, der seine Identität aus fragmentierten Begegnungen, unvollständigen Gesprächen und der hartnäckigen Abwesenheit einer Person rekonstruiert, die er nie wiederfindet.


Was Soliloquy so eindringlich macht, ist nicht nur seine musikalische Reichweite, sondern seine emotionale Logik. Es wirkt wie ein Leben in Rückblenden, in dem Inspiration, Reue und Neuerfindung ineinander übergehen. McKees Entscheidung, akademische Sicherheit hinter sich zu lassen und sich ganz der Musik zu widmen, wirkt weniger wie Rebellion als vielmehr wie eine Hingabe an eine Idee, die nicht mehr zu stoppen war. Am Ende löst „The Lisa Song“ sein eigenes Rätsel nicht auf, und auch das Album, das daraus entstand, tut es nicht. Lisa bleibt verschwunden sowohl real als auch symbolisch, doch ihre Abwesenheit hat längst gewirkt. Sie hat einen Songwriter zu einem Künstler gemacht und einen flüchtigen Konzertmoment in ein ganzes musikalisches Universum verwandelt, das nicht loslässt.





SCHRIFTSTELLER: Carl

 
 
 

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