„KITE WITHOUT A STRING" von John Lebanon
- CARL

- vor 9 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

John Lebanons „Kite Without a String" erscheint als ein leise weitläufiges Indie-Folk-Album, das emotionale Entwurzelung über Kontinente und innere Räume hinweg kartiert. Es wirkt weniger wie eine Sammlung einzelner Songs als vielmehr wie ein Reisetagebuch zwischen den Straßen Bostons und den Nachklängen Beiruts, in dem Erinnerung und Migration zu einer einzigen fortlaufenden Erzählung verschmelzen. Der eröffnende Titel „Hurricane Eyes“ bricht mit nervöser Gitarrenenergie und unruhigem Rhythmus hervor und fängt das Gefühl des Aufbruchs ein, noch bevor ein Ziel erkennbar ist. Der Titelsong „Kite Without a String“ verlangsamt das Geschehen und entfaltet eine meditative Reflexion über Loslassen, Selbstvertrauen und die fragile Kunst des Nicht-Festhaltens.
„Maksour“ reduziert alles auf Stimme und Intimität; die arabischen Texte tragen eine leise, unmittelbare Melancholie, die zugleich persönlich und generationsübergreifend wirkt. „Vermontier (Dusk Edition)“ öffnet den klanglichen Raum mit schimmernden Texturen und markiert einen Übergang hin zu Weite und vorsichtiger Hoffnung. „Mizuri“ verbindet Glauben und Durchhaltevermögen in vielschichtigen Harmonien, die wie Gebete im Wind aufsteigen. „Petit Pierre“ findet Schönheit im Alltäglichen und verwandelt kleine Szenen in ruhige Anker von Stabilität und Wärme. „Self Made World“ erweitert das Klangbild um folktronische Elemente, in denen organische Instrumente und subtile elektronische Pulse eine moderne innere Zerrissenheit in Klarheit überführen. Der abschließende Track „I Like to Play (17’ Vault)“ reduziert alles auf Gitarre und Stimme und beendet die Reise dort, wo sie begonnen hat: im puren Ausdruck.

Über seine gesamte Länge hinweg zeigt das Album John Lebanon als kollektive Stimme, geformt durch zwei geografische Pole und langjährige Zusammenarbeit. Das Ensemble aus Karl Deek, Matt Deluccia, Roy Souaid, Marc Chehwan und Khalid Razick erschafft Arrangements, die sich geerdet und zugleich experimentell anfühlen und intime Folkstrukturen mit subtilen klanglichen Erweiterungen verbinden. Die emotionale Architektur des Albums bewegt sich von Unsicherheit hin zu Erdung und deutet darauf hin, dass Zugehörigkeit kein fester Ort ist, sondern eine wiederkehrende Praxis der Wahrnehmung. Die Mischung aus Indie-Folk, alternativer Rockschärfe und leichten levantinischen Klangfarben erzeugt eine Welt, die vertraut und zugleich leicht entrückt wirkt.
Hörerinnen und Hörer, die Bands wie Vampire Weekend, The Shins, Wilco oder Bibio schätzen, werden hier eine ähnliche Liebe zu Textur, Zurückhaltung und erzählerischer Detailarbeit erkennen. Statt auf Spektakel zu setzen, konzentriert sich das Projekt auf kleine Offenbarungen: eine Zeile, ein Akkordwechsel oder eine erinnerte Straßenecke, die nach dem Verstummen nachhallt. Letztlich versteht sich die Musik als Navigation, in der Unsicherheit zur Orientierung wird und Klang als Kompass durch wechselhafte emotionale Wetterlagen dient. Wenn die letzten Töne verklingen, hinterlässt „Kite Without a String" ein Gefühl stiller Kontinuität und deutet an, dass Entwurzelung und Zugehörigkeit keine Gegensätze sind, sondern miteinander verflochtene Zustände des modernen Lebens.
SCHRIFTSTELLER: Carl





Kommentare