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„PLANET B" von Energy Whores

  • Autorenbild: CARL
    CARL
  • vor 9 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Energy Whores kehren mit „Planet B" zurück einer eindringlichen, elektrokinematischen Klangbotschaft, die weniger wie eine klassische Single wirkt, sondern eher wie eine Übertragung aus einer nahen Zukunft, in der die Menschheit ihre eigenen Grenzen neu verhandeln muss. Entwickelt von der Künstlerin und Filmemacherin Carrie Schoenfeld gemeinsam mit Gitarrist Attilio Valenti und Produzent bzw. Sounddesigner Grant (NYC), erweitert der Track das Selbstverständnis von avant electro um eine intensiv immersive, zugleich beunruhigend reflektierte Dimension. Schon in den ersten Momenten entfaltet „Planet B" eine Atmosphäre, die sich weit und instabil anfühlt als würde sich der Boden unter den Hörer:innen permanent neu kalibrieren. Pulsierende Synthesizer-Schichten steigen und fallen wie künstlich erzeugte Gezeiten, während präzise gesetzte elektronische Percussion wie mechanische Impulse durch den Mix schneiden. Hinter der technischen Klarheit liegt jedoch eine spürbare emotionale Spannung, die sich nie vollständig auflöst. Die Produktion will nicht nur beeindrucken, sondern verunsichern.


Besonders stark ist der Track in seiner Weigerung, die eigene Botschaft in einfache Parolen zu gießen. Statt apokalyptischer Überzeichnung oder dystopischer Klischees entsteht die Wirkung aus Andeutung und Atmosphäre. Der Klang suggeriert Weite, Flucht und Expansion, während er gleichzeitig immer enger wird als Erinnerung daran, dass es keinen wirklichen Ausweg aus den ökologischen Konsequenzen gibt, die hier verhandelt werden. Die Idee eines „Backup-Planeten“ erscheint nicht als Science-Fiction-Abenteuer, sondern als kulturell verankerte Form der Verdrängung. Gesanglich und textlich bewegt sich das Stück zwischen Beobachtung und Konfrontation. Die Stimme wirkt weniger predigend als vielmehr fragend, fast so, als würde sie jemanden mitten im Gespräch unterbrechen und zur Stellungnahme zwingen. Der Text kreist um die menschliche Fixierung auf technologische Rettungsfantasien und die Hoffnung auf interplanetare Flucht und legt dabei subtil offen, wie sehr diese Narrative oft der emotionalen Vermeidung dienen, statt echte Lösungen zu bieten.



Musikalisch lebt „Planet B" von Kontrasten. Helle, schimmernde Synth-Flächen erzeugen eine beinahe verführerische Weite, während dunkle, gewichtige Bassstrukturen das Fundament erden und die Komposition in der Realität verankern. Dieses Spannungsfeld spiegelt das zentrale Thema wider: Staunen versus Verantwortung, Zukunftsvision versus Gegenwartsfolgen. Dadurch entsteht eine Klangwelt, die zugleich futuristisch und erschreckend gegenwärtig wirkt. Die Produktion ist entscheidend für die Wirkung des Songs. Schoenfelds konzeptionelle Handschrift gibt dem Stück seine narrative Struktur, Valenti bringt mit der Gitarre organische Reibung in die elektronische Oberfläche, und Grants Mixing sowie Sounddesign formen daraus einen präzise ausbalancierten, filmischen Raum, in dem jedes Detail bewusst gesetzt wirkt. Nichts erscheint zufällig, alles trägt Bedeutung.


Am Ende definiert sich „Planet B" durch seine emotionale Doppelbödigkeit. Der Song verweigert sich sowohl der Resignation als auch der Beruhigung. Stattdessen schafft er einen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit einen Raum, in dem technologische Euphorie und ökologische Verletzlichkeit permanent aufeinanderprallen. Fortschritt ohne Verantwortung erscheint hier nicht als Entwicklung, sondern als Wiederholung alter Muster in neuer Verpackung. Im Kontext des Gesamtwerks von Energy Whores steht „Planet B" exemplarisch für den Anspruch, elektronische Innovation mit gesellschaftlicher Kritik zu verbinden. Der Track ist damit zugleich Klangreise und Denkimpuls: eine Erinnerung daran, dass die drängendsten Fragen nicht die nach neuen Welten sind, sondern nach dem Umgang mit der einzigen, die wir bereits bewohnen.





SCHRIFTSTELLER: Carl

 
 
 

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